Reisebericht Karpathos

 

Mit kleiner Kawa auf großer Reise!

 

 

 

Es soll gewissermaßen ein Selbstversuch sein, mit einer neuen Kawasaki Versys X 300 von Waiblingen auf die griechische Insel Karpathos in der südöstlichen Ägäis zu fahren. Es ist kühl und nass, als ich Anfang August starte. Meine Route führt über die Schwäbische Alb, der Arlberg-Passstraße zunächst nach Meran in Südtirol. Ich bin gespannt, wie sich die „Kleine“ dort macht. Problemlos, fast spielerisch lässt sie sich durch die Kehren lenken. Wenn man leistungsstarke Motorräder gewöhnt ist, ist es gewöhnungsbedürftig, dass man mit der X 300 einem Überholvorgang jenseits der 80Km/h etwas mehr Planung schenken muss. Aber die Reise steht unter einem entschleunigenden Fokus, was die Aufmerksamkeit auf ganz andere Dinge deutlich erhöht und somit auch bereichernd werden wird.

Die Dolomiten bieten sich an, die Maschine auf ihre Tourentauglichkeit auf Pass-straßen zu testen und eben auch hier das Erlebnis des gemächlichen Reisens in wunderschöner Bergkulisse auf mich wirken lassen. Also wähle ich die Route von Meran ins Grödnertal und durch die Dolomiten nach Venedig. Ich fahre das Grödnerjoch hoch Richtung Corvara, es ist Sonntag und viel los auf der Straße. Viele Radler, langsame Autofahrer und viele, zum Teil sehr eilige Motorradfahrer. Bisher habe ich mit meiner leistungsstarken Tourenmaschine auch eher zu dieser Kategorie gehört. Wenn die Leistung unterm Tank ist, ruft man sie gerne ab. Macht ja auch Laune! Aber, alles zu seiner Zeit. Jetzt ist mit der Versys X 300 erstmal gemächlicheres Fahren angesagt. Ein Biker, der die Maschine neugierig inspiziert, spricht mich an: Woher, wohin, wie lang unterwegs? Er will dann wissen, ob das eine 650er sei oder so. Als er hört, dass das eine Zweizylinder mit 300cc und 40PS ist, ist er beeindruckt und guckt sich den kleinen Motor nochmal näher an. Das wird mir auf meiner Reise noch öfter passieren: Die X 300 sieht nach „mehr“ aus.

 
 
Mein Weg führt mich Richtung Cortina di Ampezzo, kurz vorher biege ich rechts ab auf den Passo Giau. Superschön ist die Straße, eine nahezu endlos erscheinende Folge von Kurven und Kehren, die Versys muss richtig ran. Oben auf der Passhöhe ist alles voller Autos, die Menschen erholen sich hier von der Hitze im Tal. Von hier aus geht es meist nur noch abwärts bis in die Lagune Venedigs. Auf dem Weg der Adriaküste entlang fällt mir auf, dass extrem viele geschlossene Firmenkomplexe zu sehen sind. Leer, verlassen, zum Teil am Rande des Verfalls. Die Wirtschaftskrise scheint mit Schwung im Norden Italiens angekommen zu sein.
 

Tags drauf entschließe ich mich mit Blick auf das Thermometer – es hat um 9 Uhr morgens schon 32 Grad, für die nächste Etappe nach Ancona nicht der Adriaküste zu folgen, sondern die Autobahn zu nehmen. Mit der Versys X 300 ist das dann doch nicht unbedingt eine stressfreie Wahl, dreht sie bei 130 km/h doch gut 10.000 1/min. Doch es geht voran und die gut 180km sind in der Mittagshitze schnell hinter mich gebracht und ich sitze im klimatisierten Fährterminal in Ancona. Von Ancona aus legen täglich große Fähren nach Griechenland ab, ich möchte nach Igoumenitsa an der Westküste, die Überfahrt dauert 18 Stunden.


Am nächsten Morgen in Igoumenitsa fahre ich direkt auf die Autobahn Richtung Ioannina. Ich mach das gerne, bin schon wieder ziemlich auf „Temperatur“ mit der nordischen Motorradkleidung, aber nach einer Stunde überwiegt die Neugier. Ich biege einfach ab in die Berge und die Versys darf zeigen, was sie auf Offroadstraßen und auf kleinsten Bergsträßchen zu leisten vermag. Ich bin total begeistert bei diesem Ausflug spielt sie wieder ihre Trumpfkarte: Gewicht und Handling. Trotz vollem Gepäck ist es überhaupt kein Problem auf einer steilen Schotterpiste zu wenden, weil ich in eine Sackgasse geraten bin.

 

Das nächste Etappenziel sind die Meteora Klöster, sie liegen in der Ebene von Thessalien, östlich des Pindos-Gebirges und gehören zum UNESCO Weltkulturerbe. Die ab dem vierzehnten Jahrhundert errichteten Klöster sind auf schwer zugänglichen hohen Sandsteinfelsen erbaut und bilden eine einmalige Kulisse in der Ebene von Thessalien. Ich besichtige eines der Klöster und lasse die überwältigende Szenerie der Landschaft auf mich einwirken.

 

Danach führt mein Weg durch das griechische Inland nach Piräus, die Hitze des Tages, passagenweise hatte es über 40 Grad, setzt mir doch sehr zu und ich bin heilfroh, als ich im Hafen von Piräus ankomme, obwohl hier das Chaos noch größer ist. Die griechische Marine hat leihweise ein Bild der Mutter Gottes von Israel nach Griechenland gebracht, ich komme direkt in die Feierlichkeiten im Hafen bei der Übergabe. Ich bin sehr beeindruckt von der Zeremonie und den vielen Gläubigen, welche der Hitze standhalten. 

 

Ziemlich platt, aber zufrieden sinke ich in einen Sessel im klimatisierten Aufenthaltsraum der ANEK Lines nach Kreta. Mein Ziel ist Matala im Süden der Insel. Matala war der Hippie-Hotspot in den 1960 ern, selbst Größen wie Cat Stevens oder Bob Dylan haben hier zeitweise gelebt.

 

Von Matala möchte weiter auf die Insel Karpathos und fahre im Süden Kretas über Ierapetra nach Siteia im Osten von wo aus die Fähre nach Karpathos ein – bis zweimal pro Woche ablegt. Unterwegs legt die „Prevelis“ an der kleinen Insel Kassos an, deren maximale öffentliche Aufregung aus der Ankunft der Fähre zu bestehen scheint. Fünf Stunden dauert die gesamte Überfahrt ab Kreta.

 

Karpathos ist mit ca. 6.500 Einwohnern die zweitgrößte Insel im Dodekanes und liegt in der südlichen Ägäis. Es gibt wunderschöne Buchten und Bergdörfer wo sehr alte Traditionen, welche auf dem griechischen Festland verschwunden oder nur zu touristischen Zwecken dargeboten werden, sichtbar in den Alltag bis heute integriert sind und selbst von den jungen Menschen gepflegt werden.

 
 


Ich mache mich auf in das von der Hauptstadt Pigadia aus am weitesten entfernte Dorf Olymbos, welches erst seit 1980 am elektrischen Stromnetz angeschlossen ist. Die asphaltierte Straße dorthin existiert erst seit 2013 und führt in Halbhöhenlage mit wunderschöner Aussicht auf das dunkelblaue ägäische Meer durch die Berge. Gleich nach Pigadia führt eine sehr kurvenreiche zum Teil enge und steinschlaggefährdete Straße durch die Berge, ich muss mich zwingen auf die Straße und die frei umherlaufenden Ziegen zu achten und nicht auf einmalig schön gelegenen Buchten weiter unten. Der unerwartete Anblick des Dorfes nach langer Fahrt ist einfach umwerfend. Dicht gedrängt und ineinander verschachtelt schmiegen sich die bunt und zum Teil sehr liebevoll renovierten Häuschen an den Bergrücken, versteckt vor Piraten, welche in früheren Zeiten in der Ägäis ihr Unwesen getrieben haben.

Die Versys parke ich am Dorfrand, durch Olymbos führen nur enge Gassen und Wege, entsprechend wird alles ins Dorf entweder auf den eigenen Schultern oder mit Maultieren transportiert.
 

  

Diese Arbeit verrichten dort in der Regel die Frauen in traditionellem Gewand, das dafür notwendige robuste Schuhwerk stellt ihnen in dreitägiger Handarbeit ohne den Einsatz von Maschinen der Dorfschuster Giannis Prearis aus Ziegenleder her. Ich besuche ihn in seinem Laden und bin sehr beeindruckt von seinem netten und bescheidenen Wesen, beherrscht er doch die heute weit verloren gegangene Kunst des Schusterhandwerks und wirkt sehr glücklich dabei.

Weiter oben im Dorf stehen zwischen alten Windmühlen Holzöfen in denen nach alter Tradition Brot gebacken wird.
Sehr beeindruckt mit dem Willen hier wieder herzukommen mache ich mich auf den Rückweg. Unterwegs wage ich mit der Versys X 300 einen Offroad Abstecher an eine dieser schönen einsamen Buchten. Ich bin begeistert von der Einfachheit mit der sich die Maschine auf diesen sehr schlechten Wegen fahren lässt und fahre damit bis auf den Kiesstrand. In der Sonne am Meer liegend reflektiere ich meine ca. 3.500Km weite Reise mit diesem mit 40PS doch vergleichsweise leistungsarmen Motorrad von Waiblingen nach Karpathos. Es geht und diese entschleunigende Motorradreise hat mich sehr bereichert. Ich beschließe öfter einen Gang zurückzuschalten und die Überholspur zu verlassen um mit mehr Achtsamkeit durch die wunderbare Inselwelt Griechenlands auf dem Motorrad zu reisen.
 
 

 

 

 

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